Skype-Ikonen

Text: Ausschnitt von Dr. Volker Wortmann (Kulturwissenschaften Universität Hildesheim)

Die Skype-Ikonen von Angela Cremer sind eigentlich Erinnerungsbilder, d.h.: Sie erinnern uns an Bilder, die wir schon einmal gesehen, meistens aber übersehenen haben. Man muss nur ein paar Schritte zurückgehen, die Augen ein wenig zusammenkneifen, und dann erkennt man sie: Bilder, wie man sie überall im Netz findet, bei facebook, twitter oder flickr.

Man sieht den Blick in die Webcam, der uns so vertraut ist, wenn wir mit den Kindern oder den Eltern und den fortgezogenen Freunden über Skype Kontakt zu halten versuchen.

Wenn wir dann aber wieder ein paar Schritte an die Bilder herangehen, löst sich dieses Wiedererkennen auf, sieht man die Alltagsbilder nicht mehr, sondern nur noch Farbflächen auf Leinwand und Holz. In den Farbflächen sieht man Furchen, die wie Narben die Bildfläche überziehen, sieht die verschiedenen Schichten der Bearbeitung, sieht eigentlich den Gegenentwurf zu dem, was man vorher wiederzuerkennen meinte, sieht also nicht mehr das flüchtige Bild aus dem Internet, nicht das eine von tausend anderen, nicht die digitale Massenware, die für Sekunden auf dem Display erscheint, bevor sie schnell wieder weggeklickt wird, sondern etwas Widerständiges, etwas das Material hat, das bleibt und das Spuren seiner Entstehung zeigt.

Eigentlich sehen wir zwei Bilder in einem: Das digitale Foto, im Bruchteil einer Sekunde entstanden, und die Malerei, sorgsam erarbeitet, etwas das bleibt.

In diesem Widerspruch, in der Ambivalenz von Darstellung und Material steckt ein großer Reiz – das stetige Changieren der Gegensätze zieht unseren Blick an und lässt ihn verweilen; man könnte sagen: zum ersten Mal! Denn es sind ja flüchtige Alltagsbilder, denen wir in Angela Cremes Malerei begegnen. Hier also sehen wir sie zum ersten Mal, die wir sonst übersehen – und natürlich sehen wir sie, weil sie nicht mehr alltäglich sind, weil durch die Bearbeitung, dem Auftragen der Materialien, der Pigmente, des Wachs, Schicht für Schicht den virtuellen Sphären des Internets entzogen werden, und nur dadurch, durch diese ganze Arbeit und stundenlange Mühe zu einem Kunstgegenstand werden, dem wir begegnen können.

Es ist also weniger ein Widerspruch, sondern eher etwas wie eine Zurückholen, als würde die Künstlerin den Bildern zurückerstatten, was sie durch die digitale Vermassung verloren haben. Als würde sie ihnen die Aura zurückgeben, die ein Bild braucht, um gesehen und erinnert zu werden.