Stille Bilder – Angela Cremer

Zur Eröffnung der Ausstellung in Krelingen am 08.07.2007

Volker Wortmann

Überall Bilder! Wo man geht und steht, man entkommt ihnen nicht. Sie sprechen uns an, lenken uns ab, bedrängen und belästigen uns. Über die Bildschirme von Computer und Fernsehen, aus den Zeitschriften, von den Plakatwänden — Sie schreien auf uns herab, springen uns an, fallen über uns her. Wir merken das schon alles gar nicht mehr, haben uns längst an diesen Bilderlärm um uns herum gewöhnt, beachten ihn kaum — und weil das so ist, werden die Bilder auch immer lauter, immer aufdringlicher und immer obszöner. Sie können gar nicht anders, sie müssen so sein, denn sie sind dazu da, unsere Aufmerksamkeit zu erregen, uns dazu zu verleiten, ihnen all das abzukaufen, was sie so lärmend anpreisen: Waschmaschinen, Autos, Nachrichten, Wahrheiten. Manchmal auch das kleine Glück, oder das kurzlebige Versprechen, sich endlich einmal so attraktiv fühlen zu dürfen wie eine dieser Schönheiten, die uns aus den Bildern heraus immer so freundlich anstrahlen.

Merkwürdigerweise reagieren wir nun auf diese lärmende Bilderflut, indem wir selbst all den Bildern noch unsere eigenen hinzufügen, wenn wir eben keine Gelegenheit auslassen, die digitalen Foto- und Videokameras zur Hand zu nehmen, um damit unsere Welt in noch mehr Bilder zu überführen. Und offensichtlich tun wir das sehr gründlich: Allein in Deutschland werden Monat für Montag zwei Milliarden digitale Fotos gemacht. 2 Milliarden! Stellen sie sich einmal vor, man würde all diese Bilder aneinanderhängen, dann ergäben sie zusammen ein Band, das 7 ½mal um die Erde reichen würde. Monat für Monat – und das allein mit den Bildern, die in Deutschland gemacht werden …

Und nicht weniger merkwürdig ist, dass all diese Fotos den Bildern immer ähnlicher werden, die uns ohnehin schon umgeben. Dass nämlich die Fotos, die uns etwas bedeuten, uns vor allem deshalb wertvoll erscheinen, weil sie genauso aussehen, wie der Urlaub, der Kindergeburtstag oder die Hochzeit schon in den Katalogen, den Fernsehserien und den Werbeseiten ausgesehen haben.

Die Wissenschaft hat diese lärmende Bilderflut schon auf einen Begriff gebracht: ‚Iconic turn‘ nennt sie das – die Wende zum Bild. Diese Wende meint aber zweierlei: Ein Abwenden und ein Hinwenden. Wir wenden uns ab von Text und Buch und wenden uns hin zu den Bildern. Die Bilder sollen uns nun die Welt erklären … und sie tun das auf die eben beschriebene Weise: laut und lärmend.

Das Phänomen ist nicht neu: Es begann schon in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts mit der Erfindung der Fotografie. Dann kamen die illustrierten Zeitschriften, später Film und Kino, das Fernsehen, schließlich die digitalen Medien. Die Entwicklung beschleunigt sich, zweifellos, und es ist kaum auszudenken, wohin sie noch führen wird.

Aber bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will hier gar nicht schwarz malen und gegen diese Bilderflut Klage führen. Ich könnte das auch gar nicht, denn Bilder sind meine Profession und meine Leidenschaft sowieso. Aber genau aus dem Grunde habe ich ihnen das alles erzählt, weil mir eben Bilder etwas bedeuten und weil erst vor diesem Hintergrund klar wird, wozu wir in dieser lärmenden Bilderwelt eine Bildkunst brauchen und warum wir vor allem gute Bilder brauchen:

Gerade weil wir vor lauter Bildern das Sehen verlernt haben, brauchen wir Bilder, die uns wieder sehend machen. Gerade weil die Bilder immer lauter werden, brauchen wir Bilder, die uns in die Stille führen. Und gerade weil die Bilder uns immer etwas verkaufen wollen, brauchen wir Bilder, die erst einmal gar nichts wollen, die einfach nur sind, die uns einfach nur dazu einladen, sie anzuschauen und die in diesem Sinne ganz sicher Bilder sind, die uns einen besonderen Dienst erweisen können.

Nun trifft es sich ganz gut, das wir uns gerade heute mit eben solchen Bildern umgeben haben – wenn auch nicht ganz zufällig. Auf jeden Fall bietet sich mir dadurch die Gelegenheit, ihnen anhand dieser Bilder zu erklären, was ich mit dem eben Gesagten gemeint habe — und zudem ihnen zu erklären, warum mir diese Bilder so wertvoll sind, warum sie mir als Christ so wertvoll sind.

Zunächst einmal: Das Wertvolle an diesen Bildern ist zugleich auch das Verwirrende an ihnen, denn wir verstehen sie nicht. Das kann verwirrend sein, gerade weil wir die meisten anderen Bilder auf Anhieb zu verstehen meinen. Für gewöhnlich schauen wir Bilder an und suchen sie ab nach einer Form, die sagt: Ich bin ein Stuhl, eine Tasse, eine Baum, oder ein Fisch. Denn dann hätten wir das Bild begriffen, es sozusagen ausgelesen, gelesen wie einen Text, dessen Buchstabenfolgen wir entziffern und verstehen können. Und wir übersehen dabei, dass ein Bild eben nicht nur Stuhl, Tasse, Baum oder Fisch ist. Wir lesen die Figuren, und sehen dabei nicht den Grund, auf dem sie stehen. Und meinen, der Bildgrund sei so bedeutsam, oder richtiger: so unbedeutend, wie das weiße Blatt Papier, auf dem man Buchstaben druckt.

Wir fragen immerzu nach der Bedeutung nach einer Botschaft. Wir tun das, weil gewöhnliche Bilder uns ihre Bedeutung und Botschaft entgegen schreien. Und wir sind sehr zufrieden, wenn wir sie erkennen, denn dann können wir uns dem nächsten Bild zuwenden — oder anderen Dingen.

Und in sofern verwirren diese Bilder hier, weil sie uns nicht anschreien, weil es vielleicht auf den ersten Blick so schienen mag, dass sie uns nichts zu sagen haben. Aber gleich dieser erste Blick hält uns auch an ihnen fest, zieht uns in sie hinein und fordert uns heraus, genau hinzuschauen.

Als ich zum ersten Mal Bilder von Angela Cremer zu sehen bekam – es wird nun schon sieben, acht Jahre her sein –, waren es experimentelle Formkompositionen. Diese Bilder waren in einem besonderen Sinne sehr konkret, aber keineswegs gegenständlich. Ausgangspunkt waren die Formen, die man erhält, wenn man die Nähte einer Lederjacke auftrennt, sozusagen die Schnittmuster, aber eben nicht als Muster, sondern schon in der zugeschnittenen Konkretion, dann aber wiederum auch nicht als Bekleidungsstück, sondern als Form – eben so, wie wir ein Bekleidungsstück niemals betrachten könnten, werden diese Formen in den Bildern neu zusammengesetzt, komponiert und lassen in dieser Gestalt kaum mehr erahnen, was ihr Ursprung war.

Der Reiz dieser Bilder ist vielfältig: es gab die Verschiebung vom Schnittmuster zur Form, die eigenständige Komposition mit seinen Formen, die in Beziehung zueinander traten. Es gab die Farbkomposition, die dem Bild einen besonderen Rhythmus verlieh, die das Bild sozusagen zum ›klingen‹ brachte.

Dann gab es eine Reihe von Bildern, bei denen diese Formen vom Bildgrund selbst aufgenommen wurden. Sie waren also nicht mehr als ›Fremdkörper‹ nur aufgesetzt.

Die Kompositionen erschienen dadurch freier, vielleicht auch rhythmischer. Bisweilen fand man in diesen Bildern Konkretionen, die an Gegenstände oder Symbole erinnerten: eine Tasse vielleicht, oder war es doch das Auge eines Walfisches? Die Formen gaben vor, etwas Konkretes zu meinen, aber greifbar waren sie dennoch nicht. Wenn man versucht war, sich festzulegen, belehrte einen das Bild gleich eines Besseren.

In den neueren Bildern sind nun die Formen fast ganz aufgelöst. Man sieht nur noch den Bildgrund und auf ihm ein Rauschen der Farbpigmente. Es scheint, als habe sich Angela Cremer im Laufe der Jahre dem Grund ihrer Bilder genähert und sei nun dort angekommen – und das meine ich tatsächlich im doppelten Wortsinn.

Und doch gehen diese Bilder weit über den Bildgrund hinaus: Denn der Bildgrund schiebt sich ja gar nicht in den Vordergrund, er tritt vielmehr zurück, gibt den Blick frei auf das Licht, das nun den Bildern Form und Farbe gibt, das Tiefe in den strukturlosen Bildgrund hineinwebt, und damit einen ‚Licht-Raum’ entstehen lässt, der uns einlädt, in ihm betrachtend zu verweilen.

Auf eine ganz faszinierende Weise geben uns diese Bilder damit zu verstehen, dass es in ihnen nichts zu verstehen gibt – zumindest nichts, was wir auf einen Begriff bringen könnten. Es sind Bilder, die uns vielmehr dazu auffordern, sie wahrzunehmen– ein wunderschönes deutsches Wort: Wahr-nehmen –, dass sich in seiner Doppeldeutigkeit so nicht in andere Sprachen übersetzen lässt. Wahrnehmen heißt ja nicht nur, ›die Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken‹, es zu registrieren; es bedeutet ja auch, ›etwas für-wahr-zu-nehmen‹! Nichts ist leichter, als einen Begriff für eine Sache zu finden, ungleich schwerer ist es, eine Sache in ihrer Totalität ›für-wahr-zu-nehmen‹.

Und was würde das bedeuten, wenn wir dieses Licht auf den Bildern nicht nur wahrnehmen würden, sondern es auch ‚für-wahr-nehmen‘ könnten?

Ich will noch auf einen letzten Punkt eingehen, will ihnen noch zu erklären versuchen, warum mir diese Bilder als Christ so wertvoll sind. Und das, obwohl man zu Recht sagen könnte, dass an ihnen nichts christlich ist – wie könnte das auch sein, wenn sie sich nicht verstehen lassen.

Das stimmt! Diese Bilder tragen keine Bedeutung und Botschaft vor sich her, sie erklären nichts, sie sagen auch nichts. Aber sie flüstern mir zu und dieses Flüstern schon scheint alles von meinem Glaube zu enthalten.

Viele der Gründe dafür sind eigentlich schon genannt: Zunächst einmal, weil es andere Bilder sind, Bilder, die sich von den gewöhnlichen unterscheiden, weil sie nicht in der Bilderflut mit schwimmen, mich nicht anschreien, mir keine Botschaft zu verkaufen suchen, mir vielmehr Raum geben, mich in sie hineinblicken lassen …

Und doch: Bei aller Uneindeutigkeit beziehen diese Bilder auch eine klare Position: Denn anders als die lärmenden Alltagsbilder, die immer eindeutig sind, immer eindeutig sein müssen, uns damit aber auch immer ins Diesseitige ziehen, die uns nur Oberflächen vorführen und dabei zugleich vorzugaukeln versuchen, bis zu den Tiefen des Seins zu reichen, anders also als dieser ganze Bilderzauber, der gar nicht zum Betrachten einladen darf, weil er ein genaueres Hinschauen gar nicht aushalten würde, … öffnen sich die Bilder von Angela Cremer tatsächlich für eine Wahrheit, die hinter ihnen steht, öffnen sich diese Bilder für das Licht, das durch sie hindurch zu scheinen scheint, das eben nicht nur Bildgrund und Farbpigment, sondern zugleich auch Grund der Bilder ist.