Angela Cremer – Malerei, Musik und das Heilige

Von Dr. Volker Wortmann, Kulturwissenschaften, Universität Hildesheim

anlässlich einer Ausstellungseröffnung 2002

Unsere Sinne sind intellektuell geworden, viel mehr geübt nach dem „was es bedeutet“ zu fragen, als nach dem, „was es ist“. Über unser dauerndes Fragen nach der Bedeutung haben wir es verlernt, wahrzunehmen; also: die Farbe zu sehen, den Ton zu hören, das Material zu spüren …<

Als mich Angela vor einigen Tagen fragte, ob ich hier an dieser Stelle ein paar einführende Worte sagen könnte, kam mir sofort diese Textstelle in den Sinn. Sie ist – man mag es kaum glauben – nun schon beinahe 150 Jahre alt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Friedrich Nietzsche in einem Aphorismus aufgeschrieben, scheint sie als Mahnung immer noch nichts an Aktualität verloren zu haben.

Offensichtlich sind wir es nach wie vor gewohnt, nach der Bedeutung zu fragen: Und diese Frage scheint sich dermaßen in den Vordergrund zu drängen, dass wir es ganz und gar verlernt haben, vor der Bedeutung zunächst einmal wahrzunehmen, zu sehen, was ist, was eine Farbe ist, was eine Fläche, wie die Flächen miteinander korrespondieren, wie sich so etwas wie eine Komposition kristallisiert … usf. … … und dass, obwohl in der Kunstgeschichte spätestens seit dem Impressionismus die sinnlichen Qualitäten einer Darstellung wie Farbe und Form sich immer mehr von der mimetischen, der abbildenden, bedeutenden Funktion losgelöst haben – bis hin zu der informellen Malerei in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, die nur noch aus Farbe und Form bestand.

Die Bilder, die wir heute hier in der Ausstellung zu sehen bekommen, stehen also in einer guten Tradition, sie sind im guten Sinne traditionelle Bilder, die aber offensichtlich nach wie vor auf eine nicht weniger traditionelle Wahrnehmungsblockade stoßen.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, mit denen man sich einen Zugang zu diesen nicht-gegenständlichen Bildwelten verschaffen kann. Die eine ist naheliegend und sie klingt eigentlich auch schon an, wenn wir von einer Komposition sprechen: es ist der Vergleich mit der Musik, also die Aufforderung an den Betrachter, die Bilder mit ihrem Farb- und Formenspiel wie ein Stück Musik auf sich wirken zu lassen. Diese Aufforderung ist insofern eine Hilfe, als dass wir gemeinhin bei einem Musikstück nicht gewohnt sind, danach zu fragen, was denn diese Tonfolge bedeuten solle, und es uns trotzdem gelingt, die bedeutungslose Tonfolge in allen Zügen zu genießen.

Die andere Möglichkeit ist eine Appellation an unsere Imaginationsfähigkeit, also an unsere Einbildungskraft – aber nicht in dem Sinne, dass wir versuchen, in den strukturlosen Flächen Wiedererkennbares zu entdecken, so wie man es tut, wenn man zum Himmel schaut und in den Formationen der Wolken alle möglichen Tiergestalten zu sehen meint … hier geht es darum, etwas zu sehen, was eigentlich nicht zu sehen ist.

Lassen sie mich diesen Gedanken näher erläutern: Wenn sie das nächste mal Bilder der italienischen Renaissance aus dem Quatrocento zu sehen bekommen, wie z.B. die Fra Angelicos, dann achten sie einmal auf zunächst unscheinbar anmutende Flächen, die sich zwischen den Figuren befinden – wie z.B. bei einer Darstellung der Verkündigungsszene mit Maria und dem Engel Gabriel. Nicht selten befinden sich diese strukturlosen Farbflächen genau im Zentrum der Darstellung. Und je mehr sie darauf achten, desto mehr werden sie diese Flächen entdecken, die – und das ist für uns interessant – sehr an die Bilder erinnern, die wir heute Abend hier zu sehen bekommen.

Den Schlüssel zu diesen Flächen findet man in negativer Theologie – einer theologischen Spekulation, die aus dem Mittelalter stammt: Da wir Gott nicht in Worte fassen können, da jede Beschreibung scheitern muss, sollte man lieber davon sprechen, was Gott nicht ist – so die Maxime und daher auch der Name: negative Theologie. Man sprach davon, dass das Bild von Gott Vater als alter Mann mit weißem Bart in zweifacher Hinsicht falsch sei: zum einen natürlich, weil Gott Vater kein alter Mann mit weißem Bart ist, zum anderen, weil die Figuration durch ihre äußere Ähnlichkeit mit einer menschlichen Gestalt eine innere, wesensmäßige Ähnlichkeit vortäuschen würde, allerdings nicht besteht. Es sei viel angemessener zu sagen, Gott sei ein Wurm, weil jeder wüsste, dass er keiner ist und keiner das Bild für wahr nehmen würde. Der Wurm zeigt ja eigentlich nur, was Gott nicht ist – man sieht in ihm also das, was man nicht sehen und darstellen kann.

Vor dem gleichen Dilemma stand die Malerei: jedes Bild musste scheitern, wenn es das Heilige figürlich darstellen wollte – aber was anderes hatte die Malerei zur Verfügung als Figuren. Und natürlich malten die Renaissancemaler Figurenkonstellation, doch wohl wissend, dass sie ihr eigentliches Sujet – nämlich das Heilige – damit nicht darstellen konnten. Nun kam man nicht auf die Idee, Würmer in die Bilder zu malen – das wäre absurd gewesen. Statt dessen malte man diese zuvor erwähnten strukturlosen Farbflächen, mit denen die Renaissancemaler wie z.B. Fra Angelico versuchten, in ihren Bildern das Heilige adäquat darzustellen.

Im Zentrum standen also nicht die Figuren, sondern diese zunächst unscheinbar anmutenden Farbflächen, die im Gegensatz zu den Figuren nichts bedeuteten, aber eben auch dadurch alles bedeuten konnten.

In diesem Sinne lade ich sie ein zu schauen, ob sie nicht in den Bildern der Ausstellung heute Abend etwas sehen, was sie so zuvor nicht gesehen haben. Und vielleicht werden sie viel mehr zu sehen bekommen als in einem Bild, das ihnen gleich zu verstehen gibt, was es bedeutet.